Mittwoch, 25. Januar 2012

Zwischen den Welten...

Heute gibt es mal einen etwas nachdenklichen Post. Das hat zwei Gründe. Zum einen sind wir jetzt seit drei Wochen hier und die Zeit ist wie im Flug vergangen während es mir vorkommt, als wäre ich schon viel viel länger hier. Zum anderen bin ich diese Woche selber ziemlich nachdenklich und reflektiere die Dinge, die wir hier bisher erlebt haben.

Ich fühle mich in dieser Woche als stünde ich zwischen den Welten und das ganze schlägt sich auch in meiner Sprache und in meiner Stimmung nieder.
Es gibt Momente, da verstehe ich fast alles, Momente, in denen ich schon Gespräche auf Portugiesisch führen kann wie am Montag, als wir mit Jans Kollegen abends Essen waren. Es gibt Lob von allen Seiten (die Brasilianer sind ein höfliches Völkchen), weil alle erstaunt sind, wie viel wir verstehen und wie schnell wir lernen. Ich höre Radio und verstehe, worum es geht. Ich lese Zeitung und verstehe die Nachrichten. Ich erzähle, wie lange wir hier sind, wo ich geboren bin, was ich beruflich in den letzten Jahren gemacht habe, dass ich Fußball mag. Ich kann den Nummer 1 Hit in Brasilien mitsingen.

Und dann gibt es Momente, in denen ich einfach müde werde... Müde, weil es anstrengend ist, sich permanent zu 100% zu konzentrieren. Müde, weil ich - sobald ich ein paar Sekunden dem Gespräch nicht folge - nicht mehr weiß, worum es geht. Müde, weil ich nicht einfach in ein Geschäft gehen kann, um Sachen zu kaufen, sondern immer überlegen muss, was ich sage. Müde, weil Radio hören, Fernsehen gucken und Zeitung lesen keine Entspannung sind, sondern vollste Aufmerksamkeit verlangen. Müde, weil ich nicht irgendwo anrufen kann, um Dinge zu klären.

Das sind die Höhe- und die Tiefpunkte, die ich empfinde, meistens jedoch fühle ich mich irgendwo zwischen den Dingen. Sprachlich sowieso. Ich bewege mich zwischen Deutsch, Englisch und Portugiesisch. Ich mixe momentan die drei Sprachen miteinander. Es gibt Wörter, die mir schneller auf portugiesisch einfallen, als auf Deutsch oder Englisch.

Gedanklich und körperlich bin ich zwischen Brasilien und Deutschland. Ich erzähle viel von der deutschen Kultur, habe selten soviel über die deutschen Philosophen und die deutsche Geschichte geredet wie hier. Ich traue mich nicht shoppen zu gehen, weil ich nicht möchte, dass die Verkäuferin mit in die Umkleide kommt. Ich trinke mein Bier gerne ohne Eisklumpen und Hühnerherz wird nicht meine Leibspeise. Ich bin nicht höflich, weil ich nicht permanent "Tudo bem?" frage, auch wenn ich gar nicht wissen möchte, wie es dem anderen geht. Ich trage keine Leggins mit Tennisschuhen wenn ich tagsüber das Haus verlasse und keinen Minirock mit High Heels wenn wir abends ausgehen. Ich verfalle nicht in Lobgesang, wenn ich jeden Mittag meinen Teller an einem all you can eat-Buffett beladen kann. Ich streiche die Wände in der Wohnung selber und bezahle Dinge, die ich kaufe nicht per Ratenkredit (Schuhe, Kleider, Lebensmittel...).

ABER: Ich fühle mich brasilianisch wenn ich mir bei 25 Grad einen Pulli und eine lange Hose anziehe, wenn ich mein Fleisch in Maniokmehl dippe und mich in eine Schlange anstelle, ohne zu murren. Wenn ich meine Einkäufe einzeln in Plastiktüten einpacken lasse ohne zu helfen und den Einkaufswagen mitten auf dem Parkplatz stehen lasse. Wenn ich zehn Minuten an einer Straßenkreuzung stehe, weil ich weiß, dass Fußgänger keine ernstzunehmende Spezies sind. Wenn ich das Toilettenpapier nicht in die Toilette schmeiße (ja, auch darüber muss geredet werden!). Wenn meine erste Frage "Gremista ou Colorado" heißt und ich alle Leute mit Küsschen begrüße.

Ich merke, dass ich von Tag zu Tag mehr meinen deutschen Blick auf die Dinge verliere. Ich wundere mich weniger und nehme dennoch nicht alles als selbstverständlich hin. Ich bin gespannt, wie es weiter geht...

Kommentare:

Moni hat gesagt…

auch ich bin gespannt, wie es mit dir weitergeht

Jens aus Bonn hat gesagt…

Hmm... so ungefähr war meine Vorstellung davon, wie es sein könnte, in ein fremdes Land mit fremder Kultur und auch noch fremder Sprache auszuwandern.
Ich denke mal, je besser du die Sprache kannst (und das geht bei dem Tempo, dass du hier vorlegst, sichewr auch weiter so schnell), wird Radio hören, Fernsehen und Zeitung lesen (wieso wird Fernsehen eigentlich in einem Wort geschrieben und die anderen beiden nicht? Oder werden sie das und ich oute mich hier gerade als der deutschen Sprache nicht mächtig???) auch für dich entspannend.
Und ja, ich denke, dein "deutscher Blick" auf die Dinge wird immer weiter in den Hintergrund treten. Das finde ich auch gut so. Aber ich glaube, du wirst ihn NICHT vergessen! Das find eich auch gut! ;)

Claudia hat gesagt…

Zwischen den Welten....
du hast genau das auf den Punkt gebracht, was ich schon seit 30 Jahren erlebe. Und ich kann nur sagen, es hört nie auf, aber es tut auch nicht weh ;-)
Und es wird dir noch bewusster werden, wenn du wieder in Deutschland bist, denn dann wirst du plötzlich den brasilianischen Blick an dir entdecken und immer stärker in dir spüren.
Es ist auf jeden Fall eine ganz tolle Bereicherung und man lernt, Dinge mal durch eine andere Brille zu sehen. Ganz interessant....
Viel Spass am Strand!

Dominik Ritter hat gesagt…

Sehr lustig. Du bist ganz in der nähe, wo ich geboren bin. Und wir haben uns hier in Bonn kennen gelernt. ;)

Ich wünsche Dir/Euch viel Spaß in Brasilien!

Dominik

Tessa hat gesagt…

@Dominik: Stimmt ja, ich erinnere mich :-) Du warst quasi mein erster Brasilienkontakt:-))))

Dominik Ritter hat gesagt…

Haha. Ja. Also, wenn Du mal an Lages/SC vorbeikommen solltest, grüß die Stadt von mir ;)

Patricia Nothelle hat gesagt…

Sehr treffend beschrieben, ich kenne dieses Gefühl nur zu gut! Ich lebe seit 2 Monaten in Belo Horizonte. In zwei Monaten geht es für mich wieder in die Heimat, nach Berlin.
Dein Blog gefällt mir sehr gut und der Eintrag "Zwischen den Welten" beschreibt das Gefühl perfekt, wie man sich als Deutscher in Brasilien manchmal fühlt.
Danke für den schönen Beitrag :)

Tessa hat gesagt…

Liebe Patricia,
ich wünsch Dir weiterhin eine tolle Zeit in Brasilien. Genieß alles und nimm mit, was Du mitnehmen kannst von der manchmal verrückten aber letztlich einfach nur herzlichen Kultur der Brasilianer.
Grüße aus Porto Alegre nach Belo Horizonte

Kommentar veröffentlichen

 
;